



So fühlt sich Aussonderung an
Als Mutter eines unter staatlichem Zwang (Gerichtsbeschluss des Verwaltungsgerichts) ausgesonderten Kindes erlaube ich mir an der Stelle mal zu beschreiben, wie sich so etwas anfühlt: Du hast Dein drittes Kind zur Welt gebracht. Mit knapp zwei Jahren wird durch Untersuchungen festgestellt: Es hat ein schwach ausgeprägtes Down-Syndrom,
ansonsten alles ganz "normal". (Dieses Attribut hat für uns gewiss eine andere Bedeutung als für andere Menschen.)
Dann musst Du erleben, wie dieses Kind benachteiligt und ausgegrenzt wird. Es darf nicht wie seine Brüder in den wohnortnahen Kindergarten, nicht auf die wohnortnahe Sprengelschule, nicht beim Sportverein mitturnen.
Nur beim Skiverein hatte er das große Glück, auf "normale" Menschen (hier: nicht ausgrenzende) zu treffen. Er fuhr zwei Jahre lang zu Skikursen mit. Unser System sieht für so ein Kind die "besondere Förderung" vor: Ein Leben nur unter Kindern mit Behinderungen, weg vom sozialen Bezug des Wohnortes. Sehr "förderlich"! Ausgesondert eben. Die Gemeinschaft will von diesem Kind nichts wissen.
In der allgemeinen Schule wird seine Ausgrenzung damit begründet, die "normalen" Lehrer hätten nicht die richtige, "förderliche" (=ausgrenzende, weil auf Sonderschulen beschränkende) Ausbildung. (Wie machen das bloß die Familien ohne besondere Ausbildung?) Es wird behauptet, seine "Integration" sei nicht möglich. Bei seinen Brüdern wurde dieser Terminus nie verwendet. Die gehören einfach überall dazu. Ich meine: Er auch! Er hat dieselben Rechte wie seine Brüder, auch wenn er in seinem Leben viele Entscheidungen nie selber wird treffen können.
Dass die Zugehörigkeit meines dritten Kindes in Frage gestellt wird, mag daran liegen, dass uns allen im Lande eine "Normalität" suggeriert wird, die ohne solche Kinder/Menschen "normal" scheint. So lange, bis einem das (zufällige) Leben ein anderes lehrt. Menschliche Gesellschaften sind aber nur mit diesen Kindern "normal". Ohne sie sind sie selektiv. Ich habe ihn ja nicht von einem anderen Stern eingeschleust. Er gehört zu den Kindern, die eher selten sind, aber er ist als drittes Kind, so wie er ist, so "normal" wie seine Brüder.
Für mich als Mutter handelt es sich darum nicht um "nicht mögliche bzw. erfolgte Integration", sondern um "Ausgrenzung". Wie sehr abhängig die Entwicklung eines Kindes mit zunehmendem Alter von der sozialen Einbindung ist, wird mir erst jetzt deutlich. Allzu selbstverständlich ist es für die "normalen" Kinder.
Das Kind wird unter all den Kindern im Wohnort rausgepickt und weggeschickt. Es darf nicht mit seinen Nachbarskindern den Schulweg teilen, nicht an den gemeinsamen Schulfesten teilnehmen, nicht in der Pause Freunde und Nachbarskinder treffen. Es darf nicht das hören, was diesen Kindern gesagt wird, es darf daran nicht teilhaben. Und sehenden Auges sollst Du Deinem Kind eine positive Einstellung zu dieser Schule vermitteln, zu der es leider schon lange selber nicht mehr gehen möchte.
So etwas nenne ich eine verwaltungsrechtlich legitimierte Menschenrechtsverletzung: Mein drittes Kind besucht nun schon das sechste Jahr unter staatlichem Zwang (Schulpflicht) die Sonderschule. Es fühlt sich an wie eine Zwangsehe. Vielleicht noch schlimmer. Denn seit sechs Jahren muss ich mein Kind in eine Schule schicken, von der ich überzeugt bin, dass sie meinem Kind nicht gut tut. Es gibt eine Schulpflicht, aber bei einem sogenannten "Sonderschulkind" für die Eltern keine Wahl! (Die privaten Schulen selektieren auch.)
Ich bin entsetzt darüber, wie selbstverständlich das den Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf genommen wird: Sie brauchen mehr wohnortnahe soziale Einbindung, nicht weniger. Messen kann man die soziale Einbindung (Inklusion) an den Kontakten (Dauer und Frequenz), die außerhalb der Familie ohne Bezahlung zu nicht behinderten Kindern/Menschen stattfinden.
Dass sich nun die UN darum kümmern muss, dass wir unser System so umbauen, dass das auch für solche Kinder wie meinen dritten Sohn möglich werden kann, beschämt mich als Mitglied dieser Gesellschaft zutiefst.
Magdalena Federlin, Aichach
abgedruckt in der taz, 24.11.2008












