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„Eine Schule für alle”

„Eine Schule für alle“ ist das Motto der Veranstaltungen in der Kölner Uni.

Köln - Koch möchte er werden, die Ausbildung dazu am liebsten in einem Luxushotel in Dubai machen. Wenn man dem 14-jährigen Steffen Jacobs zuhört, hat man keinen Zweifel, dass er dazu den nötigen Fleiß und Ehrgeiz mitbringt. Auch wenn er eine räumliche Wahrnehmungsstörung hat, die ihn in vielfältiger Weise behindert. Hinzu kommt eine Augen-Hand-Koordinationsstörung. Steffen ist lernbehindert - für die meisten Kinder bedeutet diese Diagnose die Zuweisung zu einer Sonderschule. Aber Steffen geht in die achte Klasse einer Gesamtschule in Köln-Holweide. Steffen sagt: „Ich habe Glück gehabt.“

Die Debatte um die richtige Schule für behinderte Kinder hat neuen Schwung bekommen. Eltern streiten für ihr Wahlrecht. In Köln und Kerpen haben zuletzt zwei Einzelfälle für Schlagzeilen gesorgt, in denen sich Eltern mit Erfolg gegen die Zuweisung ihrer Kinder an eine Förderschule gewehrt haben. Vor allem das Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts (Az. 10 K 761 / 07) könnte zum Präzedenzfall werden: Das magere Platzangebot für Behinderte an Regelschulen darf kein Grund sein, Kinder gegen den Willen ihrer Eltern auf eine Förderschule zu schicken.

Der Protest der klagenden Eltern - in diesem Fall ging es um eine geistig behinderte Siebenjährige - gegen das Vorgehen des Kölner Schulamtes hatte schon vor dem Urteilsspruch Konsequenzen. Die unversöhnlich wirkende Position der Landesbehörde beförderte eine Elterninitiative, die mittlerweile von Köln aus bundesweite Wirkung erzielt. Der Verein „Mittendrin“ organisiert den Austausch von Experten und Eltern. Gestern begann an der Kölner Universität der Kongress „Eine Schule für alle“.

Für Steffen war und ist diese Schulform Alltag. „Wir haben uns auch Förderschulen angesehen, und ich habe großen Respekt vor der Arbeit, die da geleistet wird“, sagt sein Vater Claus Jacobs. „Heute sind wir aber sehr froh, dass es anders gekommen ist.“ Es sei die Umgebung, die in Steffens Schullaufbahn so viele Impulse zur Motivation und Förderung gegeben habe. Das hätte in einer Schule für Lernbehinderte kaum gelingen können.

„Wir arbeiten gut zusammen“, sagt Steffen über seine Klasse. Zur Zeit sitze er neben dem Klassenbesten, der ihm immer wieder helfe, wenn es nötig sei. Der 14-Jährige hat gelernt, seine Einschränkungen zu beschreiben und um Hilfe zu bitten. Jetzt steht das „Kind mit besonderem Förderbedarf“ kurz davor, in vielen Fächern den „Förderstatus“ loszuwerden. Das ist die Voraussetzung, um seinen „größten Wunsch“ - den Realschulabschluss - umsetzen zu können. Zur aktuellen Debatte hat Steffen eine klare Meinung: „Ich finde es blöd, dass andere Kinder in eine Sonderschule gehen müssen. Es muss mehr integrative Angebote geben, damit alle die gleiche Chance wie ich bekommen.“

Viele Lehrer und Eltern an Förderschulen möchten diese Sicht der Dinge nicht einfach übernehmen. Sie sehen die Arbeit ihrer Schulen diskreditiert. „Schüler unserer Schule sind in aller Regel aus dem allgemeinen Schulsystem herausgefallen“, sagt Petra Hugot, Leiterin einer Förderschule für „Emotionale und Soziale Entwicklung“ in Köln. Die Förderschulen würden sie „auf den Weg zurück in die Rehabilitation beziehungsweise ins Regelschulsystem“ bringen.

Die Befürworter des „Gemeinsamen Unterrichts“ fordern die konsequente Integration der Kinder von Anfang an. Eine „normale“ Schule sei der bessere Förderort - wenn sie dafür die personellen und organisatorischen Voraussetzungen habe. An Steffens Schule sind die Klassen mit Behinderten kleiner, es gibt für die Hauptfächer einen zweiten Lehrer, in Deutsch und Mathe werden die Kinder mit besonderem Förderbedarf in Kleingruppen zusätzlich unterrichtet. Entscheidend scheint vor allem die konsequente Umsetzung der schulpolitischen Zielsetzung der individuellen Förderung. Dazu gehört auch, dass man die Schüler nach ihrer individuellen Leistungsfähigkeit bewerten muss. So war es möglich, dass Steffen trotz großer Lese- und Schreibschwäche keine Klasse wiederholen musste.

Das Modell soll weiter Schule machen. So will die Stadt Köln die Zahl der Plätze für den „Gemeinsamen Unterricht“ bis 2010 auf 1400 verdoppeln. Überraschend kündigte Schuldezernentin Agnes Klein jetzt auch an, den vorgelegten Schulentwicklungsplan für die Förderschulen, der millionenschwere Investitionen ins Sonderschulsystem vorsieht, noch einmal zu überarbeiten. Man wolle „Veränderungsprozesse einbauen“.

Klein glaubt, dass es auch in Zukunft weiter Förderschulen geben, der Bedarf aber zurückgehen werde. Dazu sollen die neuen „Kompetenzzentren“ beitragen, zu denen sich nach dem Willen des Landes die Förderschulen entwicklen sollen. Förderschulen, allgemeine Schulen, schulpsychologische Beratung, Erziehungsberatungsstellen und medizinische Angebote sollen zu einem „Gesamtsystem sonderpädagogischer Förderung“ vernetzt werden - eine grundsätzliche Weichenstellung, wie viele Sonderpädagogen sagen. Die Entscheidung der Landesregierung könne man durchaus als Absicht verstehen, behinderte Kinder verstärkt in Regelschulen zu beschulen, sagt Klaus Edwards, Leiter einer Kölner Lernbehinderten-Schule. Wenn die personelle Ausstattung stimme und nicht wieder gespart werde, könne man davon ausgehen, dass die heutigen Förderschulen langfristig nicht mehr existieren werden.