Professor
Hans Wocken lehrt am Institut für Behindertenpädagogik der Universität
Hamburg und begleitet die schulische Förderung von Behinderten.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Lösen Förderschulen ihr Versprechen einer optimalen Förderung ein?
HANS
WOCKEN: Ich habe erhebliche Zweifel, ob behinderte Kinder dort richtig
aufgehoben sind. Wir haben Studien durchgeführt, die nachweisen, dass
Kinder dort zweieinhalb bis drei Jahre hinter den Kindern an
Regelschulen hinterherhinken.
Die Förderschulen verweisen auf ihre erfolgreiche Arbeit.
WOCKEN:
Wenn es nach der Wissenschaft ginge, müssten die Förderschulen sofort
geschlossen werden. Bei den kognitiven Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben
und Rechnen sind behinderte Kinder in Regelschulen ihren Altersgenossen
in Förderschulen deutlich überlegen.
Leiden die behinderten Kinder in den integrierten Klassen nicht unter der Konkurrenz?
WOCKEN:
Es kann sein, dass Förderschulen ein positives Selbstkonzept und das
Selbstbewusstsein der Kinder befördern. Doch wenn sie die Schule wieder
verlassen, ist es damit schnell vorbei. Es tut ihnen nicht gut, wenn
man sie in einen Schonraum steckt und die Anforderungen reduziert.
Was sind die Bedingungen für
einen erfolgreichen „Gemeinsamen Unterricht“?
WOCKEN:
An die Stelle des Frontalunterrichts tritt die konsequente
Individualisierung des Unterrichts. Dafür müssen Lehrer ausgebildet
sein. Zeitweise wird man eine zweite Lehrkraft in der Klasse brauchen.
Leidet das Leistungsniveau der Klasse, wenn schwache Schüler mitgenommen werden müssen?
WOCKEN:
Nichts dergleichen ist nachweisbar. Es gibt sogar gegenteilige Effekte:
Nichtbehinderte Kinder übernehmen Verantwortung und werden zu
Mitlehrern. Das kann ihre Leistung steigern. Außerdem wird Toleranz und
Friedfertigkeit eingeübt.
Welchen raten Sie der Politik?
WOCKEN:
Sie muss auf den massiven Bewusstseinswandel der Eltern reagieren: Es
gibt keine Mehrheit mehr für das mehrgliedrige und aufgesplitterte
Schulsystem. Weil man nicht von heute auf morgen ein integriertes
System für alle einführen und alle Förderschulen abschaffen kann,
plädiere ich dafür, mit den Grundschulen anzufangen und sie zu
verlängern. Wir brauchen eine gemeinsame, ganztägige und sechsjährige
Grundschule für alle Kinder.