Diskussionen von vorgestern

1. Februar 2009. Die Lebenshilfe Baden-Württemberg hatte zur Tagung "EINE FÜR ALLE" am 29./30. Januar nach Pforzheim eingeladen. "Brücken bauen für eine inklusive Gesellschaft" lautete der Untertitel. Vom Recht auf inklusive Bildung war jedoch nicht die Rede. Statt dessen wurden ausgiebig die baden-württembergischen Außenklassen gelobt. Lesen Sie unseren ziemlich desillusionierten Kongressbericht:

 

Veranstalter: Lebenshilfe Baden-Württemberg
Teilnehmer: ca. 220 Personen, überwiegend verschiedene Verbände Lebenshilfe, Werkstätten, Wohnheime, Diakonie, vereinzelt Initiativen, wenig Eltern

Mit "BRIDGE - Brücken bauen in die Gemeinde " startete im Sommer 2007 ein landesweites Projekt zur "Inklusion und Teilhabe" jetzt soll das Thema mit der Tagung weiter voran gebracht werden. So steht es im Vorwort des Programms. Meine Erwartungen: Erkenntnisse, Erfahrungsaustausch und konkrete Ergebnisse zur Inklusion und Teilhabe in BaWü.

Ich besuche 2 Vorträge: "Wohnen wie ich will" - hier schildert ein Sozialarbeiter, wie in Norwegen 1991 alle Wohnheime für behinderte Menschen geschlossen und in die Menschen in ihre Heimatgemeinden eingegliedert werden. Sehr interessanter Beitrag! Trotz zahlreicher bürokratischer Hürden und Vorbehalte durch die Bevölkerung wurde der Beschluss kurzerhand umgesetzt.
Im zweiten erhält man Infos über den Dachverband EASPD für Dienstleister, der auf europäischer Ebene agiert und Einfluss nimmt auf die Gesetzgebung der EU/EK. Ich bin mir die ganze Zeit nicht sicher, ob es sich hierbei um eine Informations- oder um eine Werbeveranstaltung handelt.

Ich freue mich auf den Workshop zum "Lebensbereich Schule". Eine Lehrerin berichtet hier völlig konfus von ihrer Arbeit mit einer integrativen Klasse, zeigt Fotos von Ausflügen und Projekten, gibt aber nichts wirklich brauchbares von sich - weder in pädagogischer noch didaktischer Hinsicht.
Anschließend berichtet Claudia Dippon von der Landesarbeitsstelle Kooperation über Einzelintegration und Außenklassen (das sind 6-8 Kinder, die von Sondeerschulen in Regelschulen unterrichtet werden). Die Frage einer Mutter, ob auch noch die ISEPs (inklusives Schulentwicklungsprojekte) vorgestellt werden, wird verneint. Statt dessen wirbt sie mit Zahlen für ihre Außenklassen: 272 Außenklassen, davon 192 mit GB-Schülern, in 222 allgemeinen Schulen. 1003 Schüler von insgesamt 45.000 Sonderschüler (das sind stolze 2,2 Prozent) und erläutert die schulinternen Probleme der Sonder- und Regelpädagogen (die ganz hilflos sind, wenn die Sonderpädagogen mal fehlen).
Der letzte Vortrag widmet sich der "inklusiven Bildung". Renate Rastätter, Grüne MdL, berichtet von der UN-Konvention und Munos und erläutert, wie Inklusion in der Schule aussehen kann - jetzt werden sogar die ISEPs erwähnt.
Nach zähen 60 Minuten haben die Teilnehmer noch 20 Minuten Zeit, Fragen zu stellen. Dabei geht es in erster Linie um zwei Mütter, die bald ihre behinderten Kinder einschulen müssen. Sie sollten sicht rechtzeitig kümmern ...
Ich hätte im Workshop gerne über konkrete Maßnahmen gesprochen - die gibt es aber scheinbar nicht. Fazit: "Inklusion" ist hier in Baden Württemberg noch ein Fremdwort.

Die abschließende Podiumsdiskussion unterstreicht diesen Eindruck, alle sind sich einig, dass für behinderte Menschen mehr getan werden muss und man ist froh, dass man jetzt so offen darüber spricht. Der Bischof auf dem Podium rühmt sich für seine "Behinderten-Firmung" und berichtet von seinen bewegenden Erfahrungen während einer Reise mit Gehörlosen - "die geben einem so viel diese Menschen". Die Moderatorin erwähnt in einem Nebensatz, dass es nun mal diese "kleinen Unfälle der Natur" gäbe und man müssen endlich was für diese tun. Und die Sozialbürgermeisterin Stuttgarts will sich auf jeden Fall für mehr Außenklassen engagieren - sie präsentiert sich als besonders kompetent, weil sie selbst eine behinderte Tochter hat und aus Erfahrung spricht.
Es gibt Mütter die an dieser Stelle das Recht ihrer Kinder auf Inklusion fordern und klar zum Ausdruck bringen, dass man keine Kompromisse mehr eingehen möchte. Alles andere wird kommentarlos hingenommen.

Inklusion - Eine für Alle???? In Baden-Württemberg ist das reine Vision. Hier ist Unterstützung wirklich dringend nötig!