Köln bewegt sich - millimeterweise

30. August 2009. Vor zwei Jahren hat der Rat der Stadt Köln beschlossen, mehr für die Integration von Kindern mit Behinderungen zu tun. Er beschloss, die Zahl der Plätze im Gemeinsamen Unterricht bis zum Schuljahr 2010/11 auf 1.400 zu verdoppeln. Was ist daraus geworden?

Bis zum aktuellen Schuljahr konnte die Zahl der Integrationsplätze auf gerade einmal 860 erhöht werden. Fehlen noch mehr als 500 Plätze, die nun in einem Jahr entstehen müssten. So kann der Ratsbeschluss nicht erfüllt werden.

Die Situation für Familien, die ihre behinderten Kinder auf Integrationsschulen anmelden möchten, ist in den vergangenen zwei Jahren nicht leichter geworden. Immer noch ist es nur mit viel Mühe und viel Glück möglich, für ein schwerer behindertes Kind einen Integrationsplatz zu finden. Immer noch müssen Eltern von Schule zu Schule ziehen, um sich mit ihrem Kind dort zu "bewerben" . Woran liegt das?

Zunächst an der Blockade der Integration durch die Landesregierung in Düsseldorf. Doch die Gründe liegen auch in Köln.

Der Rat will mehr Integration. Das Schuldezernat arbeitet mit Engagement an der Ausweitung der Integrationsplätze. Doch der Rest der Stadt zieht nicht mit.

Immer noch werden Eltern behinderter Kinder schon in vielen, selbst integrativen Kindergärten einseitig in Richtung Förderschule eingestielt. Über Gemeinsamen Unterricht wird gar nicht informiert oder wegberaten. Schulärzte, die dafür gar nicht qualifiziert sind, empfehlen mit der Autorität der Amtsperson die Förderschule.

Die Finanzierung von Schulbegleitern durch das Sozialamt funktioniert teilweise schleppend bis widerwillig. Jedes Jahr wieder zu Schuljahresbeginn stehen Kinder in den Schulen plötzlich ohne Schulbegleitung da - weil das Sozialamt fristgerecht gestellte Anträge noch nicht bearbeitet hat. Einem schwerst behinderten Kind wird eine dringend nötige Fachkraft als Schulbegleiter verweigert.

Auch nach zwei Jahren Werbung für Gemeinsamen Unterricht fühlen sich die meisten Kölner Schulen noch nicht einmal angesprochen, Kinder mit Behinderungen zu unterrichten. Ganze drei zusätzliche Grundschulen haben den Gemeinsamen Unterricht begonnen. In der Sekundarstufe 1 ist nur eine Hauptschule dazu gekommen. Damit nehmen in der ganzen Stadt nur drei weiterführende Schulen Kinder mit Behinderungen in integrative Lerngruppen auf. Für drei von vier Integratonskindern in den Grundschulen ist deshalb zum 5. Schuljahr Schluss mit der Integration.

Immer noch gilt auch in Köln die traurige Selbstverständlichkeit: Wer eine Behinderung hat, geht in die Sonderschule. Dies betrifft in Köln rund 5.000 Kinder und Jugendliche.

Die Bilanz des Ratsbeschlusses vom 30. August 2007 lautet deshalb:

Das Ziel, die Integration von Kindern mit Behinderung in die allgemeinen Schulen deutlich zu verbessern, wird Köln auf diesem Wege nicht erreichen.

Es reicht nicht aus, mehr Plätze im Gemeinsamen Unterricht zu beschließen.

Als Signal an die Schulen ist dies zu unverbindlich. GU soll zwar "mehr" werden, bleibt aber die Ausnahme. Man kann sich als Schule davon angesprochen fühlen, oder eben nicht. Es ist bezeichnend, dass kein einziges Kölner Gymnasium Interesse an der Einrichtung einer Integrativen Lerngruppe zeigt. Nicht einmal die Kölner Gesamtschulen - abgesehen von den Integrationsschulen GS Rodenkirchen und IGS Holweide - haben sich bisher der Integration von Jugendlichen mit Behinderung geöffnet. Auch die Einführung des Gemeinsamen Unterrichts an weiteren Grundschulen hat die Integrationschancen von schwerer behinderten Kindern bisher nicht verbessert. Die meisten GU-Schulen beschränken sich lieber auf die Integration "leichter" Fälle. Die Folge: Die Zahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt, die Förderschulen bleiben voll, die Integration behinderter Kinder kommt nicht voran.

Köln braucht eine Kultur der Inklusion

Die Stadtspitze - Rat und Verwaltung - müssen diese Kultur vorgeben und nachdrücklich vertreten:

Die Stadt Köln erwartet

- von allen Kölner Schulen die Bereitschaft, Kinder und Jugendliche mit Behinderung zu unterrichten

- von allen Kölner Förderschulen, in Zusammenarbeit mit den Regelschulen ihre Förderschüler in die Integration zu begleiten und im Gegenzug Regelschüler aufzunehmen.

- von allen KiTas auf Kölner Boden, dass sie Kinder mit Behinderung aufnehmen, den Kindern und ihren Eltern den Wert der Inklusion vermitteln und sie auf den Gedanken der inklusiven Schule vorbereiten.

- von allen beteiligten Ämtern, dass sie kooperieren und die schulische Integration fördern und im Einzelfall ermöglichen: als Dienstleister, nicht als Kunden-Abwehrtresen.

Die Stadt Köln beschließt

einen Integrationsplan mit konkreten Schritten, um die Integrationsquote von SchülerInnen mit Behinderung in zehn Jahren von rund 12 Prozent auf europäisches Niveau von 80 Prozent zu heben.

Die Stadt Köln erhebt ihre Stimme als größte Stadt Nordrhein-Westfalens, um bei der Landesregierung eine Verbesserung der Bedingungen im Gemeinsamen Unterricht und konkrete Schritte zu einem inklusiven Bildungssystem einzufordern.

Dies erwarten wir von der Stadt Köln und ihrem neuen Oberbürgermeister.

Sonst bleibt der Ratsbeschluss zur Verdoppelung des Gemeinsamen Unterrichts von 2007 eine Aktennotiz der Rubrik "gut gemeint".